Den Wert der eigenen Treuhandgesellschaft verstehen
Bewertung einer Treuhandgesellschaft in der Schweiz: fünf zentrale Dimensionen, beobachtete Multiplikatoren und typische Fallstricke. Ein Orientierungsrahmen für 2026 von Blas Brossard.

Ein Orientierungsrahmen für 2026
Das Wichtigste in 3 Punkten
- Der Wert einer Treuhandgesellschaft lässt sich weder auf ihren Umsatz noch auf einen schematisch angewandten Multiplikator reduzieren. Er beruht auf einer Kombination von Faktoren, von denen mehrere immateriell sind.
- Fünf Dimensionen prägen die Bewertung tatsächlich: wiederkehrende Umsätze, die Abhängigkeit von der Geschäftsleitung, die Qualität des Kundenportfolios, der digitale Reifegrad und die personelle Breite des Teams.
- Die eigene Treuhandgesellschaft mit Marktdurchschnitten — insbesondere französischen — zu vergleichen, ohne den Schweizer Kontext zu berücksichtigen, ist der häufigste Fallstrick. Jede Treuhandgesellschaft ist ein Einzelfall.
Ich habe jahrelang eine Treuhandgesellschaft geführt, bevor ich Sequence gegründet habe. Und die Frage, die ich am häufigsten höre, eher beiläufig bei einem Kaffee oder einem Abendessen unter Berufskollegen, lautet: «Was meinst du, wie viel ist meine Treuhandgesellschaft wert?» Die Bewertung der eigenen Treuhandgesellschaft ist ein Thema, das viele im Stillen beschäftigt. Nicht, weil es tabu wäre, sondern weil man schwer weiss, wo man anfangen soll. Dieser Artikel bietet einen Orientierungsrahmen — keine Zauberformel, keinen Online-Rechner. Einen Rahmen, um die Frage fundiert anzugehen.
Warum die Bewertung in der Westschweiz zu einer aktuellen Frage wird
Mehrere Faktoren kommen 2026 zusammen und machen diese Frage relevant, auch wenn sich in unserem Beruf niemand gerne mit unbequemen Zukunftsszenarien befasst.
Der erste Faktor ist demografischer Natur. In der Schweiz ist ein erheblicher Teil der Inhaber von Treuhandgesellschaften zwischen 55 und 65 Jahre alt. Viele haben ihre Gesellschaft in den 1990er- oder 2000er-Jahren gegründet oder übernommen. Der Zeithorizont wird kürzer, und damit rückt die Frage näher, was man tatsächlich aufgebaut hat.
Der zweite Faktor ist strukturell. Der Schweizer Treuhandmarkt konsolidiert sich. Treuhandgesellschaften mit 3 bis 10 Personen, die das Rückgrat des Berufsstands in der Westschweiz bilden, stehen unter wachsendem Druck: regulatorische Anforderungen (Swissdec, AGOV, BVG-Revisionen), Kundenerwartungen an die Digitalisierung, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeitender. Dieser Druck veranlasst manche, einen Zusammenschluss, eine strukturelle Weiterentwicklung oder eine neue Aufstellung in Betracht zu ziehen.
Der dritte Faktor ist psychologisch. Viele Berufskollegen, denen ich begegne, haben den Wert ihrer Treuhandgesellschaft noch nie systematisch erfasst. Sie haben ein Gefühl — «Das ist doch sicher etwas wert» —, aber keinen strukturierten Rahmen, um dieses Gefühl zu objektivieren. Genau das möchte dieser Artikel bieten.
Die fünf Dimensionen, die den Wert einer Treuhandgesellschaft prägen
Wenn vom Wert einer Treuhandgesellschaft in der Schweiz die Rede ist, denkt man zuerst an den Umsatz. Das ist ein Ausgangspunkt, reicht aber nicht aus. Hier sind die fünf Dimensionen, die meiner Erfahrung nach in Bewertungsgesprächen wirklich entscheidend sind.
1. Wiederkehrende und vorhersehbare Umsätze
Eine Treuhandgesellschaft, die jährlich CHF 800'000 fakturiert und zu 90 % wiederkehrende Mandate betreut (Buchführung, Lohnbuchhaltung, Jahresabschlüsse), hat nicht denselben Wert wie eine Gesellschaft mit CHF 800'000 Umsatz, bei der 40 % aus einmaligen Mandaten stammen (Steuerberatung, Due Diligence). Wiederkehrende Umsätze schaffen Vorhersehbarkeit. Und Vorhersehbarkeit ist das, was jede solide Organisation in erster Linie gewährleistet.
2. Die Abhängigkeit von der Geschäftsleitung
Das ist oft der sensibelste Punkt. Wenn die Treuhandgesellschaft vollständig auf ihrem Gründer beruht — seiner persönlichen Beziehung zu jedem Kunden, seiner Unterschrift auf jeder Bilanz —, dann ist ihr Wert fragil. Würde sich die Situation morgen ändern, könnte ein Teil des Kundenportfolios eher der Person als der Organisation folgen. Eine Treuhandgesellschaft hingegen, in der Mitarbeitende Mandate eigenständig betreuen und die Prozesse dokumentiert sind, steht auf einer gesunden Grundlage. Der Wert liegt in der Organisation, nicht in der Person.
3. Qualität und Diversifikation des Kundenportfolios
Ein Portfolio mit 200 KMU und einem durchschnittlichen Mandatsvolumen von CHF 4'000 ist widerstandsfähiger als ein Portfolio mit 15 Kunden zu CHF 50'000. Konzentration schafft Risiken. Ebenso zählt die Qualität der Kunden: Gesunde Unternehmen, die pünktlich zahlen und in stabilen Branchen tätig sind, sind mehr wert als Mandate mit chronischen Problemen.
4. Der digitale Reifegrad
Darauf gehe ich weiter unten ausführlich ein, aber es ist ein Faktor, den viele unterschätzen. Eine Treuhandgesellschaft, die noch mit Papierordnern, unstrukturierten Excel-Dateien und ohne Online-Kollaborationstools arbeitet, trägt hohe Betriebskosten und ist operativ tatsächlich anfällig. Diese Aspekte drücken auf den Wert.
5. Die personelle Breite und Stabilität des Teams
Bleiben Ihre Mitarbeitenden? Seit wie lange sind sie dabei? Verfügen sie über Zertifizierungen? Kennen sie die Kunden? Ein stabiles, kompetentes Team ist ein Vermögenswert. Eine hohe Fluktuation ist eine Belastung. In der Westschweiz, wo der Arbeitsmarkt im Treuhandbereich angespannt ist, hat ein langfristig gebundenes Team einen echten Wert.
Multiplikatoren: Was in Europa zu beobachten ist und was für die Schweiz gilt
Sprechen wir über Zahlen, mit der nötigen Vorsicht. Meines Wissens gibt es keinen belastbaren öffentlichen Benchmark zu Verkaufspreisen von Treuhandgesellschaften in der Schweiz. Es ist ein intransparenter Markt, auf dem Transaktionen direkt zwischen den Parteien und oft diskret abgewickelt werden.
Lassen sich europäische Daten auf die Schweiz übertragen? Nur mit grossen Vorbehalten. Die Margen Schweizer Treuhandgesellschaften unterscheiden sich oft (höhere Lohnkosten, aber auch höhere Honorare). Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind nicht dieselben. Und vor allem ist der Schweizer Markt stärker fragmentiert, lokaler und diskreter.
Was ich in meinen Gesprächen in der Westschweiz beobachte: Die EBITDA-Multiplikatoren für eine gut strukturierte Treuhandgesellschaft mit einem hohen Anteil wiederkehrender Umsätze und geringer Abhängigkeit von der Geschäftsleitung bewegen sich in einer vergleichbaren Bandbreite, manchmal leicht über dem französischen Markt. Bei einer geschwächten Treuhandgesellschaft — starke Abhängigkeit, keine Digitalisierung, instabiles Team — kann die Bewertung jedoch deutlich darunter fallen.
Der entscheidende Punkt: Ein Multiplikator ist kein Wert. Er ist ein Instrument zur Einordnung. Der tatsächliche Wert hängt vom Kontext beider Parteien ab und wird im Gespräch bestimmt.
Wenn diese Fragen Ihre eigene Situation berühren, stehe ich für ein Gespräch zur Verfügung. Kein Verkaufsgespräch, kein Formular — ein Austausch unter Berufskollegen.
Ein vertrauliches Gespräch mit Blas →
Digitaler Reifegrad und Bewertung: ein unterschätzter Faktor
Ich betone diesen Punkt, weil ich zu oft erlebe, dass er in Bewertungsgesprächen übergangen wird. Der digitale Reifegrad einer Treuhandgesellschaft beeinflusst unmittelbar drei Dinge:
- Die Integrationskosten bei einer neuen Aufstellung. Eine Treuhandgesellschaft, die mit modernen Tools, dokumentierten Abläufen und einer strukturierten Buchhaltung arbeitet, lässt sich einfacher weiterentwickeln. Jeder eingesparte Migrationsmonat bedeutet zusätzlichen Wert.
- Die Fähigkeit, Mitarbeitende zu halten. Junge Fachkräfte wollen nicht mehr mit Methoden aus den 2000er-Jahren arbeiten. Eine digitalisierte Treuhandgesellschaft gewinnt und bindet Mitarbeitende besser, was die Kontinuität sichert.
- Die operative Marge. Eine Treuhandgesellschaft, die die Datenerfassung automatisiert, die Belegsammlung vereinfacht und ihre Prozesse strukturiert hat, erzielt eine bessere Marge pro Mitarbeitenden. Und die Marge ist das, was das EBITDA misst.
Ich sage nicht, dass eine Treuhandgesellschaft technologisch führend sein muss, um einen Wert zu haben. Aber ich stelle fest, dass sich die Digitalisierung von einem «Plus» zu einem eigenständigen Bewertungskriterium entwickelt hat. 2026 schaut sich ein seriöser Gesprächspartner Ihre Tools genauso an wie Ihre Geschäftszahlen.
Zur Vertiefung dieses Themas habe ich in einem eigenen Artikel einige Überlegungen zu konkreten Modernisierungshebeln geteilt: Die moderne Treuhandgesellschaft: 4 Hebel zur Modernisierung.
Drei Fallstricke bei der Selbsteinschätzung
Nachdem ich mehrere Berufskollegen bei diesen Überlegungen begleitet habe, erkenne ich drei wiederkehrende Fehler.
Fallstrick Nr. 1: Umsatz und Wert verwechseln
«Meine Treuhandgesellschaft macht CHF 1'200'000 Umsatz, also ist sie CHF 1'200'000 wert.» Nein. Der Umsatz ist ein Indikator für die Grösse, nicht für den Wert. Entscheidend sind die Marge, die wiederkehrenden Umsätze und die Organisation. Eine Treuhandgesellschaft mit CHF 800'000 Umsatz, 25 % Nettomarge und einem eigenständigen Team kann mehr wert sein als eine Gesellschaft mit CHF 1'500'000 Umsatz, 8 % Marge und einem Geschäftsführer, der alles bestimmt.
Fallstrick Nr. 2: Einen französischen Multiplikator auf den Schweizer Markt anwenden
Die Daten von Interfimo sind als Orientierung nützlich, nicht als Regel. Der Schweizer Markt hat seine Besonderheiten: Honorarstruktur, Sozialversicherungsrahmen (BVG, AHV), Immobilienkosten, Fakturierungsgewohnheiten. Einen Multiplikator von 2,8x schematisch anzuwenden, ohne den lokalen Kontext zu berücksichtigen, ist ein häufiger Fehler.
Fallstrick Nr. 3: Die «weichen» Faktoren vernachlässigen
Der lokale Ruf, die Kundenbeziehungen, die Betriebszugehörigkeit des Teams, die Qualität der Räumlichkeiten, der geografische Standort — diese Aspekte stehen in keiner Excel-Tabelle, spielen aber in jeder ernsthaften Diskussion eine Rolle. Eine in Lausanne (VD) oder Genf (GE) gut verankerte Treuhandgesellschaft mit einem soliden Ruf in einer bestimmten Branche hat einen Vorteil, den Zahlen allein nicht erfassen.
Die Frage nach dem Wert ist Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Zukunft Ihrer Organisation. Wenn Sie beginnen, darüber nachzudenken, empfehle ich auch diesen Artikel: Den nächsten Schritt durchdenken: die Zukunft Ihrer Treuhandgesellschaft.
Ein Rahmen, keine Antwort
Ich möchte transparent darlegen, was dieser Artikel ist — und was nicht. Er ist keine Bewertung. Er ist kein Instrument zur Preisbestimmung. Er ist ein Rahmen, um die Frage erstmals strukturiert anzugehen.
Die eigentliche Bewertung einer Treuhandgesellschaft erfordert massgeschneiderte Arbeit: eine detaillierte Finanzanalyse, ein Verständnis des lokalen Markts, eine Bewertung der immateriellen Vermögenswerte und eine Prognose der künftigen Zahlungsströme. Diese Arbeit erfolgt vertraulich, mit jemandem, der den Beruf von innen kennt.
Wenn Sie an diesem Punkt Ihrer Überlegungen stehen oder auch erst ganz am Anfang sind, stehe ich für einen Austausch zur Verfügung. Nicht, um irgendetwas zu verkaufen. Sondern um über den Beruf, Ihre Treuhandgesellschaft und Ihre Vorstellungen für die Zukunft zu sprechen.
Häufige Fragen
Warum sollte man sich mit dem Wert der eigenen Treuhandgesellschaft befassen?
Den Wert dessen zu kennen, was man aufgebaut hat, ist eine Führungsaufgabe und nicht zwangsläufig ein Signal für eine konkrete Absicht. Es ermöglicht, mit klarem Blick zu steuern, Verbesserungspotenziale zu erkennen und künftige Entwicklungen gelassen anzugehen — sei es ein Zusammenschluss, eine neue Aufstellung oder einfach ein besseres Verständnis der eigenen Marktposition.
Welcher EBITDA-Multiplikator ist für eine Treuhandgesellschaft anzuwenden?
In Frankreich beobachtet Interfimo (2022) bei Wirtschaftsprüfungs- und Buchhaltungsgesellschaften einen durchschnittlichen Multiplikator von rund 2,8x des bereinigten EBITDA. In der Schweiz gibt es keinen vergleichbaren öffentlichen Benchmark. Die in der Westschweiz beobachteten Multiplikatoren bewegen sich bei gut strukturierten Treuhandgesellschaften in einer vergleichbaren Bandbreite, variieren aber stark je nach Abhängigkeit von der Geschäftsleitung, Digitalisierung und Zusammensetzung des Kundenportfolios.
Beeinflusst der digitale Reifegrad den Wert einer Treuhandgesellschaft?
Ja, zunehmend. Eine digitalisierte Treuhandgesellschaft — moderne Tools, dokumentierte Prozesse, digitale Belegsammlung — senkt ihre Betriebskosten, verbessert die Mitarbeiterbindung und erzielt in der Regel eine bessere operative Marge. 2026 ist die Digitalisierung ein eigenständiges Bewertungskriterium.
Wann sollte man beginnen, über den Wert der eigenen Treuhandgesellschaft nachzudenken?
Idealerweise lange bevor die Frage dringend wird. Dieser Vorlauf ermöglicht es, an den Faktoren zu arbeiten, die die Organisation stärken: die Abhängigkeit von der Geschäftsleitung reduzieren, Prozesse dokumentieren, das Team binden und den digitalen Reifegrad verbessern. Eine Treuhandgesellschaft, die in diesen Dimensionen solide aufgestellt ist, hat einen klarer erkennbaren — und beständigeren — Wert.
Weniger Zeit für Administration, mehr für Ihr Unternehmen.


